Lucas · Kapitel 6 Zur Bibliothek
Federzeichnung: verkeiltes Floß im Fluss zwischen Felsen und Fichtenwald
Kapitel 6

Lucas

Die Flößer vom Fluss
Lucas · Die Flößer vom Fluss

Der Tag begann ruhig. Über dem Köhlerplatz lag ein heller Himmel, und zwischen den Fichten bewegte sich kaum ein Windhauch.

Der Meiler arbeitete gleichmäßig. Feine Rauchfäden stiegen aus den Zuglöchern und lösten sich langsam über den Baumwipfeln auf.

Lucas saß mit Max vor der Holzhütte. Auf dem Tisch standen zwei Becher Wasser und ein Rest des Brotes, das Friedrich am Vortag gebracht hatte.

Es sah nach einem gemütlichen Tag aus.

Max wollte Lucas später noch weitere Einzelheiten über die Köhlerei erklären. Bis dahin blieb nur der übliche Rundgang, das Prüfen der Zuglöcher und das Nachbessern der Erddecke.

Lucas lehnte sich zurück.

„Heute lässt uns der Meiler vielleicht einmal in Ruhe.“

Max blickte zu dem dunklen Hügel.

„Darauf würde ich mich nicht verlassen.“

Lucas wollte gerade antworten, als ein Schrei durch den Wald hallte.

Beide Männer fuhren herum.

Noch ein Ruf. Diesmal näher.

Zwischen den Fichten bewegte sich etwas. Zwei Gestalten rannten den schmalen Waldweg herauf. Äste schlugen gegen ihre Kleidung, und Farn wurde unter ihren Stiefeln niedergetreten.

Je näher sie kamen, desto deutlicher erkannte Lucas ihre typische Flößertracht.

Die Männer erreichten die Hütte vollkommen außer Atem. Sie versuchten zu sprechen, brachten aber nur einzelne Laute hervor.

Max trat ihnen entgegen.

„Setzt euch.“

Lucas stellte zwei Stühle bereit und schenkte Wasser ein.

„Erst trinken“, sagte Max. „Dann erzählt ihr in aller Ruhe, was passiert ist.“

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Einer der Flößer holte tief Luft. Seine Hände zitterten noch immer.

„Unser Floß hat sich im Fluss schlagartig zwischen den Felsen verkeilt.“

Er musste kurz innehalten.

„Wir waren zu viert. Einer von uns bekam den Fuß zwischen zwei Stämmen eingeklemmt.“

Der zweite Flößer übernahm.

„Wir konnten ihn befreien. Aber sein Fuß ist blau und dick geworden. Er kann keinen Schritt mehr laufen.“

„Einer ist bei ihm geblieben“, sagte der erste. „Wir beide sind losgelaufen, um Hilfe zu holen.“

Max sah die Männer ruhig an.

„Wie weit ist die Unglücksstelle von hier?“

„Etwa eine halbe Stunde zu Fuß.“

„Kann man mit einem Pferd und einem Holzkarren bis dorthin gelangen?“

Die Flößer sahen einander an.

„Bis fast an den Fluss. Die letzten hundert Schritt müssen wir tragen.“

„Unser Kamerad schafft den langen Weg ins Dorf nicht“, fügte einer besorgt hinzu. „Wenn der Karren nahe genug herankommt, können wir ihn gemeinsam hintragen.“

Max nickte.

„Dann geht ihr mit Lucas zu Friedrich.“

Er blickte kurz zum Meiler.

„Ich kann hier nicht fort.“

Die Männer verstanden sofort.

Max legte Lucas die Hand auf die Schulter.

„Wenn es dunkel wird, musst du wieder hier sein.“

Lucas erwiderte seinen Blick.

„Versprochen.“

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Lucas und die beiden Flößer machten sich sofort auf den Weg.

Der Umweg über Friedrichs Hof kostete Zeit, doch er war für alle die sicherste Lösung.

Als sie den Bauernhof erreichten, öffnete Friedrichs Frau die Tür. Ihr Blick fiel auf die beiden erschöpften Männer.

„Was ist geschehen?“

„Ein Flößer ist schwer verletzt“, sagte Lucas. „Wir brauchen Friedrich und seinen Karren.“

Die Bäuerin wurde ernst.

„Friedrich ist auf dem Feld. Er holt Heu für unsere Tiere. Das Feld liegt ungefähr fünfhundert Meter hinter dem Hof.“

Mehr musste Lucas nicht hören.

Er drehte sich um und rannte los.

Die beiden Flößer blieben zurück. Nach ihrem langen Lauf hätten sie ihm ohnehin nicht folgen können.

Der Feldweg führte leicht bergauf. Schon von Weitem hörte Lucas das rhythmische Schaben einer Sense.

Zwischen dem hohen Gras erkannte er Friedrich.

„Friedrich!“

Der Bauer hielt inne und stellte die Sense beiseite.

Lucas erreichte ihn keuchend.

„Ein Flößer ist verletzt. Sein Fuß wurde zwischen Stämmen eingeklemmt. Wir brauchen dein Pferd und den Karren.“

Friedrich verlor keine Zeit.

„Dann gehen wir.“

Das Pferd war bereits für die Heuernte eingespannt. Der Hänger stand bereit.

Friedrich begrüßte die Flößer kurz und fragte sofort nach der Unglücksstelle.

Als sie die scharfe Flusskurve, die Felswand und die alte Eiche beschrieben, nickte er.

„Ich kenne die Stelle. Also los.“

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Lucas setzte sich neben Friedrich auf den Hänger. Die beiden Flößer nahmen hinten Platz.

Der Waldweg führte leicht bergab zum Fluss.

Friedrich hielt die Leinen sicher in den Händen und suchte zwischen den Bäumen nach der Unglücksstelle.

Plötzlich hallte von unten ein Schmerzensschrei herauf.

„Da unten!“, rief Friedrich.

Er ließ den Braunen etwas schneller gehen.

„Noch fünf Minuten.“

Je näher sie kamen, desto lauter wurde das Rauschen des Wassers.

Schließlich lichtete sich der Wald. Zwischen zwei Felsen hing das Floß verkeilt im Fluss.

Im Gras lag der verletzte Flößer. Sein Kamerad kniete neben ihm und hatte einen zusammengerollten Mantel unter seinen Kopf gelegt.

Als er die Helfer sah, atmete er erleichtert auf.

„Endlich.“

Der verletzte Fuß war stark angeschwollen und dunkelblau verfärbt.

Friedrich kniete sich neben den Mann.

„Wir bringen dich ins Dorf.“

Die drei unverletzten Flößer und Lucas gingen vorsichtig in die Knie.

„Eins, zwei, drei.“

Behutsam hoben sie den Verletzten an und trugen ihn zum Holzkarren.

Lucas zog seine Jacke aus, faltete sie zusammen und legte sie unter den verletzten Fuß.

Friedrich sah den Mann ernst an.

„Bis zum befestigten Waldweg wird es ordentlich ruckeln. Also beiß die Zähne zusammen.“

Der Flößer nickte tapfer.

„Ich halte durch.“

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Der kleine Zug setzte sich Richtung Dorf in Bewegung.

Vorne zog der Braune den Karren mit ruhigen, kräftigen Schritten. Neben dem Hänger gingen Lucas und die drei Flößer.

Bei jeder Wurzel verzog der Verletzte das Gesicht. Doch er klagte nicht.

Langsam kamen sie voran.

Die Blicke der Flößer wanderten immer wieder zum Fluss zurück.

Ihre Gedanken waren bei dem Floß, das noch immer zwischen den Felsen hing.

„Sobald unser Kamerad versorgt ist, müssen wir zurück“, sagte einer.

„Das Floß muss freigemacht werden, bevor die nächsten Flößer kommen.“

Friedrich nickte.

„Dann hoffen wir, dass ihr rechtzeitig dort seid.“

Lucas hörte aufmerksam zu.

Wie Max seinen Meiler bewachen musste, trugen auch diese Männer Verantwortung für ihren Weg und für alle, die ihnen auf dem Fluss folgten.

Nach einer guten Stunde erreichten sie das Dorf.

Kinder, die auf der Straße spielten, hielten inne, als sie das Pferd und den Karren mit dem verletzten Mann sahen.

Friedrich lenkte das Gespann vor ein Fachwerkhaus. Neben der Tür hing ein schlichtes Schild.

„Doktor“

Lucas sprang vom Hänger und klopfte kräftig.

Ein älterer Mann mit grauen Haaren und Bart öffnete.

Sein Blick fiel auf den Verletzten.

„Tragt ihn herein. Schnell, aber vorsichtig.“

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Die Männer legten den verletzten Flößer auf einen stabilen Tisch im Behandlungszimmer.

Der Doktor betrachtete den Fuß und bemerkte zugleich die Unruhe der drei Kameraden.

Keiner von ihnen konnte stillstehen. Immer wieder blickten sie zur Tür.

„Ihr habt bestimmt noch viel harte Arbeit vor euch“, sagte der Arzt.

„Das Floß muss frei werden“, antwortete einer der Männer.

Der Doktor nickte.

„Hier könnt ihr im Augenblick nichts tun. Ab jetzt ist er mein Patient. Macht euch auf zur Unglücksstelle.“

Die Flößer atmeten erleichtert auf.

Lucas trat vor.

„Ich werde euch noch begleiten. Wenn es aber dunkel wird, muss ich zurück zu meinem Großvater.“

Friedrich sah zum Doktor.

„Wie geht es mit dem Fuß weiter?“

Der Arzt tastete ihn vorsichtig ab.

„Er scheint nicht gebrochen zu sein. Es ist vermutlich eine schwere Quetschung mit einer starken Verstauchung.“

Er richtete sich auf.

„Ich werde ihn kühlen, ruhigstellen und fest verbinden. Laufen wird er eine Zeit lang nicht können.“

Der verletzte Flößer schloss kurz die Augen.

„Hauptsache, ich komme wieder auf den Fluss.“

„Mit Geduld“, sagte der Doktor, „stehen die Chancen gut.“

Wenig später verließen Lucas und die drei Flößer das Haus.

Friedrich blieb im Dorf. Er wollte die Gelegenheit für einige Einkäufe nutzen.

„Morgen komme ich zum Kohlemeiler“, versprach er Lucas.

Dann trennten sich ihre Wege.

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Lucas und die drei Flößer kehrten zum Fluss zurück.

Als sie das verkeilte Floß sahen, wussten sie im ersten Moment nicht, wo sie anfangen sollten.

Das einzig Gute war, dass der Fluss an dieser Stelle nicht besonders tief war.

Sie legten Jacken und Hüte am Ufer ab und wateten in das kalte Wasser.

Mit langen Hebelstangen stemmten sie sich gegen die schweren Fichtenstämme.

„Noch einmal!“, rief der älteste Flößer.

Das Holz ächzte und bewegte sich nur wenige Fingerbreit.

Der Fluss drückte gegen Lucas’ Beine. Die Steine unter seinen Füßen waren glatt, und jeder Stamm konnte sich plötzlich lösen.

„Wenn einer springt, geh sofort zur Seite!“, warnte ein Flößer.

Lucas biss die Zähne zusammen und arbeitete weiter.

Bald brannten seine Arme. Das kalte Wasser machte seine Beine schwer.

Er sah, wie sicher die drei Männer zusammenarbeiteten. Jeder Handgriff saß. Jeder verließ sich auf den anderen.

„Es ist eine verdammt harte und gefährliche Arbeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagte Lucas.

Der älteste Flößer hörte ihn.

„Ja. Aber irgendjemand muss sie tun.“

Stamm für Stamm richteten sie das Floß wieder in den Fluss.

Doch damit war die Arbeit noch nicht beendet.

Beim Unfall waren mehrere Verbindungen gerissen.

„Wir müssen die alten Weidenschnüre verwenden“, sagte einer der Flößer.

Sie sammelten die noch brauchbaren Weidenruten ein, zogen die Stämme dicht aneinander und banden sie wieder fest.

Lucas half beim Spannen. Seine Hände schmerzten, doch er ließ nicht nach.

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Als die letzte Weidenrute festgezogen war, traten Lucas und die drei Flößer einen Schritt zurück.

Das Floß lag wieder ruhig im Wasser.

Die schwerste Arbeit war getan.

Der älteste Flößer prüfte noch einmal jede Verbindung.

„So muss es sein.“

Einer der Männer sah zum Himmel. Zwischen den Baumwipfeln wurde das Licht schwächer.

„Heute fahren wir nicht mehr.“

„Nein“, sagte der Älteste. „Im Dunkeln geht kein Flößer auf den Fluss.“

Lucas dachte an Maxs Worte.

Wenn es dunkel wird, musst du wieder hier sein.

Er nahm seine Jacke an sich. Sie war noch feucht und vom Transport verschmutzt.

„Ich muss zum Meiler zurück.“

Die drei Flößer bedankten sich herzlich.

„Ohne deine Hilfe hätten wir es heute kaum geschafft.“

Lucas schüttelte den Kopf.

„Ich habe nur getan, was nötig war.“

Der älteste Flößer drückte ihm die Hand.

„Richte deinem Großvater einen Gruß aus. Und alles Gute für euren Kohlemeiler.“

„Das werde ich.“

Die Flößer blieben am Fluss. Am nächsten Morgen wollten sie ihre Fahrt fortsetzen.

Lucas machte sich allein auf den Rückweg.

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Lucas · Die Flößer vom Fluss

Der schmale Waldweg führte Lucas wieder zwischen die hohen Fichten.

Die vertrauten Geräusche des Waldes begleiteten ihn. Ein Eichelhäher rief, irgendwo klopfte ein Specht, und im Farn raschelte ein kleines Tier.

Lucas ließ den langen Tag in seinen Gedanken noch einmal vorüberziehen.

Er dachte an den Verletzten, an den Doktor und an die gefährliche Arbeit am Floß.

Dann fiel ihm der Marktplatz ein.

Er hatte dort vergeblich nach dem Puppentheater gesucht.

Einen Moment lang spürte er die alte Enttäuschung.

Doch dann legte er die Hand auf die kleine Holzfigur unter seinem Hemd.

Er wusste, dass er Marie wiedersehen würde.

Als er den Köhlerplatz erreichte, war das Licht bereits schwach geworden.

Max wartete vor der Holzhütte.

Er ging seinem Enkel einige Schritte entgegen.

„Und?“

Lucas lächelte müde.

„Alles gut.“

Er sah kurz zum Meiler.

„Morgen erzähle ich dir alles. Der verletzte Flößer ist beim Doktor und wird versorgt.“

Max nickte erleichtert.

Lucas deutete zur Hütte.

„Komm, wir machen etwas zu essen.“

Dann sah er wieder zum Meiler.

„Und danach drehen wir noch einen Rundgang.“

Max nickte.

„Einverstanden.“

Gemeinsam gingen sie zur Hütte. Hinter ihnen arbeitete der Meiler ruhig durch den Abend.

9

Ende des sechsten Kapitels

Die Flößer vom Fluss

Lucas kehrt mit neuen Erfahrungen zum Meiler zurück …