Eine humorvolle Kurzgeschichte
ĂĽber einen Rentner, einen Fuchs,
eine Eule und die Ruhe des Waldes
~ · ~
Herr Wendelin Kranz, 67 Jahre alt, pensionierter Buchhalter der Firma Schmitt & Söhne (die seit zwanzig Jahren keine Söhne mehr hatten, aber der Name blieb einfach besser), stand an einem grauen Novembermorgen auf seiner Terrasse und atmete tief durch.
„Endlich", sagte er zu niemandem im Besonderen. „Endlich frei."
Seine Frau Edeltraut, die in der Küche das Frühstück bereitete, rief: „Wendelin! Wenn du schon in Rente bist, heißt das nicht, dass du jetzt den ganzen Tag im Wald herumstreunst!"
„Doch", sagte Wendelin leise. „Genau das heißt es."
Er hatte den Plan schon lange. Seit dreißig Jahren schwor er sich: Wenn ich in Rente bin, ziehe ich in die Natur. Um acht Uhr dreißig stieg Wendelin in seine Wanderstiefel, die er 1998 gekauft und dreimal getragen hatte, nahm den Rucksack, den sein Enkel ihm zum Geburtstag geschenkt hatte (aufgestickt stand darauf: „OPA AUF TOUR"), und marschierte los.
Nach zweihundert Metern war er auĂźer Atem.
„Die Natur", keuchte er, „ist weiter weg, als ich dachte."
Am Rand des Stadtwalds traf Wendelin zum ersten Mal auf Bruno, einen Rentner mit Hund.
„Schöner Morgen", sagte Bruno.
„Ist es", sagte Wendelin.
„Ihr Hund?"
„Ich habe keinen Hund."
„Schade. Ohne Hund redet man im Wald schnell mit Bäumen."
Wendelin lachte höflich. Drei Wochen später sprach er tatsächlich mit Bäumen. Aber dazu später.
Bruno erwies sich als eine Fundgrube naturkundlichen Wissens – oder zumindest als Fundgrube von Dingen, die klangen wie naturkundliches Wissen.
„Sehen Sie den Specht?", fragte Bruno. „Der hämmert mit der Kraft eines Presslufthammers. Damit er keine Kopfschmerzen bekommt, hat die Natur ihm eine eingebaute Airbase verpasst."
Wendelin notierte das in sein Naturbeobachtungsbuch. Auf der ersten Seite stand in sauberer Buchhalterschrift: Beleg Nr. 1 – Specht: airbase im kopf. Quelle: Bruno.
Im Oktober entdeckte Wendelin am Fuß einer alten Buche einen Pilz. Er war bräunlich, hübsch gewellt und sah aus wie etwas, das man essen könnte.
„Sie werden den nicht anfassen wollen, oder?", sagte eine Stimme hinter ihm.
Es war Frau Halbmeyer, im Ort nur „die Pilzkönigin" genannt, mit einem Korb voller Pilze und einem geblümten Kopftuch.
„Warum nicht?", fragte Wendelin beleidigt.
„Weil das ein Gewöhnlicher Giftschwamm-Kreuzling ist. Der zerstört Ihre Leber schneller, als Sie ‚Leber' sagen können. Sie sind neu hier im Wald, was?"
„Ich bin in Rente", sagte Wendelin, als wäre das eine Qualifikation.
„Ach. Dann kommen Sie mit. Aber fassen Sie nichts an, bis ich es erlaube."
Und so begann Wendelins zweite Ausbildung. Frau Halbmeyer konnte einen Pfifferling von einem falschen Pfifferling unterscheiden und einen Champignon von einem Karbolchampignon („Der riecht nach Tinte und frustrierter Ehe").
„Wie lernt man das alles?", fragte Wendelin ehrfürchtig.
Frau Halbmeyer lächelte. „Man isst sich durch. Die Überlebenden sind die Lehrer."
Wendelin kaufte sich ein Fernglas mit 8×42-Vergrößerung, dessen Bedienungsanleitung allein achtundvierzig Seiten umfasste. Wendelin las alle.
Am ersten Vormittag sah er: einen Vogel. „Erfolg", notierte er. Beleg Nr. 27 – ein vogel. braun.
Am dritten Tag kaufte er einen Bestimmungsführer und erfuhr, dass „braun" im Vogelbestimmungsbuch ungefähr so hilfreich ist wie „menschlich" im Telefonbuch.
Der Rotkehlchen-Zwischenfall passierte im Dezember. Wendelin stand zwanzig Minuten still im kalten Wald, nur um ein kleines Vögelchen mit oranger Brust zu beobachten. Als er nach Hause kam, hatte er eine Erkältung und ein neues Lebensziel.
„Ich werde Ornithologe", verkündete er am Abendbrottisch.
„Du wirst Rentner mit Hobby", sagte Edeltraut und gab ihm Suppe.
„Das ist dasselbe, nur mit Fernglas."
Sein Enkel Jonas installierte ihm eine Vogel-App. Wendelin war begeistert und gleichzeitig beleidigt, als die App einen seiner Rufe als „Rotmilan, 87 % Sicherheit" einstufte.
Im FrĂĽhjahr beschloss Wendelin, dass ein wahrer Naturmensch auch etwas beitragen mĂĽsse. Er baute ein Insektenhotel.
Das Wort „Hotel" war ambitioniert. Es war eher ein Würfel aus alten Brettern. Jonas half ihm, was bedeutete, dass Jonas baute und Wendelin die Schrauben sortierte – eine Arbeit, die ihm als ehemaligem Buchhalter signifikante Freude bereitete.
„Opa, das Loch ist zu groß", sagte Jonas.
„Dann ziehen eben größere Insekten ein."
„Es gibt keine Insekten in dieser Größe, Opa."
„Dann ziehen wir eben Hummeln ein. Hummeln sind praktisch die Lastwagen unter den Insekten. Die brauchen Parkplätze."
Der Insektenhotel-Komplex wuchs im Lauf des Jahres auf vier Strukturen an, darunter ein „Wellness-Anbau" (eine Schale mit Wasser und einem Stein für Bienen). Edeltraut nannte es „Wendelins Gewerbegebiet".
Im August zogen tatsächlich Wildbienen ein. Wendelin benannte sie nach ehemaligen Kollegen.
„Da schaut Herr Ostermeier herein. Der war auch immer der Erste."
Es gab in Wendelins Wald eine Eule. Das wusste er, weil Bruno es gesagt hatte.
„Waldkauz", sagte Bruno. „Ruft nachts. Manche sagen, er fragt: ‚Kommst du? Kommst du?'"
Wendelin beschloss, die Eule zu sehen. Diese Entscheidung sollte ihn sechs Monate kosten.
Die Eule, das wurde bald klar, war das Tom Hanks der Tierwelt: berühmt, vorhanden, aber schwer in die Kamera zu bekommen. Einmal sah Wendelin etwas Braun-Dunkles im Geäst – laut App „87 % Waldkauz", laut Wendelin „100 % Ast".
Im März dann geschah es. Wendelin saß am Waldrand und aß ein Butterbrot, als die Eule im Flug direkt über ihn hinweg glitt – lautlos, wie ein Gute-Nacht-Kuss des Waldes.
Wendelin blieb das Butterbrot im Hals stecken. Als die Eule verschwunden war, flüsterte er: „Danke."
Dann bemerkte er, dass während der zwanzigminütigen Andacht drei Vögel sein zweites Butterbrot gestohlen hatten.
„Frisst doch alle", murmelte er, aber er lächelte.
Der Fuchs erschien an einem Dienstag. Er saß einfach da, am Rand der Lichtung, und sah Wendelin an – nicht feindselig, eher wie ein Kontrolleur, der die Papiere prüft.
„Guten Tag", sagte Wendelin.
Der Fuchs blinzelte.
„Sie sind der Herr des Waldes, nehme ich an?"
Der Fuchs kratzte sich.
Wendelin beschloss, ihn „Herr Reineke" zu nennen.
In den folgenden Wochen entwickelten die beiden eine Beziehung, die man am besten als „respektvolle Gleichgültigkeit" beschreiben könnte. Einmal brachte Wendelin ein Ei mit. Frau Halbmeyer, die zufällig vorbeikam, war entsetzt.
„Wendelin! Man füttert keine Wildtiere! Ein Ei ist der Anfang! Morgen bringen Sie Wurst, nächste Woche klopft der Fuchs an Ihrer Terrassentür und will Nudeln mit Soße!"
Wendelin aß das Ei selbst. Der Fuchs sah es und tat so, als hätte er nie ein Ei gewollt.
Nicht alles verlief glatt. An einem verregneten Maiweg rutschte Wendelin auf einer Wurzel aus und landete in einer Brennnesselgruppe.
„Aua", sagte er sachlich. Dann, nach einer Sekunde: „AUAAA!"
Eine junge Frau mit Rucksack fand ihn fünf Minuten später, halb in Brennnesseln, halb in Würde.
„Brauchen Sie Hilfe?"
„Nein", sagte Wendelin. „Ich übe."
Sie half ihm trotzdem auf. Es war Lene, Biologiestudentin, die ĂĽber Amphibien doktorierte.
„Kennen Sie den Springfrosch?", fragte sie, als sie ihm half, die Brennnesseln von den Hosenbeinen zu entfernen.
„Nein", sagte Wendelin. „Aber ich kenne jetzt die Brennnessel. Von innen."
Lene wurde zum festen Bestandteil von Wendelins Waldleben und erklärte ihm die Welt der Amphibien, der Moose und der Ameisen.
„Wussten Sie", sagte sie einmal, „dass ein Ameisenstaat funktionaler ist als manche Firmen?"
„Ja", sagte Wendelin. „Ich habe dreißig Jahre in einer Firma gearbeitet."
Im zweiten Jahr war Wendelin eine andere Person. Er ging jetzt täglich, bei jedem Wetter, in der richtigen Kleidung.
Er kannte:
• Die Stelle, an der im April die Buschwindröschen blühten – so pünktlich, dass man die Uhr danach stellen konnte (wenn man wollte; man sollte es nicht).
• Den Ast, unter dem Herr Reineke gern sein Mittagsschläfchen hielt.
• Den Baum, in dem die Eule wohnte (er hatte sie im Januar endlich drin gesehen).
• Die Matschstelle, an der man besser auf der linken Seite lief.
• Die Steinpilzstelle von Frau Halbmeyer – was unter Pilzsammlern etwa so viel bedeutet wie eine Adoptionsurkunde.
Er hatte gelernt, dass sich „braun" beim Vogelbestimmen durch „zu braun für den Rest" ersetzen lässt. Dass Spechte tatsächlich eine Art Airbase im Kopf haben (Lene hatte es bestätigt; Bruno war überglücklich). Und dass man als Mensch im Wald leiser sein sollte – aber dass es sich trotzdem gut anfühlt, morgens laut „Guten Morgen" zu sagen, weil der Wald es verdient hat.
Im dritten Jahr lud die Ortsgemeinde zu einem Naturvortrag ein. Da der eigentliche Referent erkrankt war, fragte man – warum auch immer – Herrn Wendelin Kranz, den Mann, der „so oft im Wald sei".
Wendelin bereitete sich vor wie auf eine Betriebsprüfung: zwölf DIN-A4-Seiten, 34 Fotos (davon 31 unscharf, aber er fand sie alle „atmosphärisch").
„Meine Damen und Herren. Ich war Buchhalter. Und ich kann Ihnen sagen: Die Natur hat die beste Bilanz, die ich je gesehen habe. Jedes Jahr schwarze Zahlen. Keine Rückstellungen. Und die Altersvorsorge funktioniert auch – die alten Bäume sorgen für den Nachwuchs."
Es gab Gelächter. Dann Aufmerksamkeit. Am Ende applaudierten alle. Bruno rief: „Und der Specht hat die Airbase!" – und alle applaudierten noch einmal.
Nach dem Vortrag fragte ein Mann, ob Wendelin nicht die örtliche Naturschutzgruppe leiten wolle.
„Ich bin Buchhalter", sagte Wendelin.
„Perfekt", sagte der Mann. „Unsere Kasse ist ein Desaster."
So wurde Herr Wendelin Kranz Kassenwart und Vorsitzender der Naturschutzgruppe Wiesental. Seine erste Amtshandlung war die EinfĂĽhrung von Belegheften.
Im vierten Jahr geschah das Undenkbare: Edeltraut kam mit.
„Ich will sehen, wo du die ganze Zeit bist", sagte sie. „Ich vermute ja eine zweite Frau."
Was sie vorfand, war schlimmer: einen Insektenhotel-Komplex, vier Wanderfreunde mit Hut, einen Fuchs mit Einwohnermeldeamt-Status und eine Schwieger-Tochter in spe in Gestalt von Lene, die gerade Jonas bei einem Amphibien-Zählprojekt half.
Edeltraut wanderte zwei Stunden, stöhnte dreizehnmal, fand aber am Ende einen Pilz, den Frau Halbmeyer für essbar erklärte. Ab diesem Moment war Edeltraut infiziert.
„Pilze sammeln", sagte sie am Abend, „ist wie Shoppen, nur gratis."
Wendelin sagte nichts. Aber er notierte in seinem Tagebuch: Beleg Nr. 341 – Edeltraut war da. Sie hat gelacht. Wirtschaftliches Ergebnis: sehr gut.
Jahre später, an einem Herbstmorgen, saß Wendelin auf seiner üblichen Bank an der Lichtung. Er war jetzt 74, die Wanderstiefel waren das dritte Paar, das Naturbeobachtungsbuch das fünfte. Bruno war leider verstorben, was der Wald mit einer Stille bedachte, die Wendelin jedes Mal spürte.
Herr Reineke kam vorbei – inzwischen ein älterer Fuchs. Er sah Wendelin an, wie immer. Wendelin sah zurück, wie immer. Keiner sagte etwas. Es war ihr wohl längstes Gespräch.
Die Eule rief von weitem. Kommst du? Kommst du?
„Noch nicht", sagte Wendelin. „Aber danke der Nachfrage."
Dann kamen Jonas und Lene die Lichtung hinauf, mit einem Kinderwagen. In dem saß ein kleines Mädchen und zeigte mit dem Finger auf einen Specht.
„Opa", sagte Jonas, „sie hat heute zum ersten Mal einen Specht gesehen."
Wendelin beugte sich vor zu seiner Enkelin.
„Weißt du", sagte er feierlich, „der hat eine Airbase im Kopf."
Das Mädchen lachte, und irgendwo im Wald, so stellte sich Wendelin vor, lachte der Wald mit.
Er holte sein Notizbuch heraus und schrieb mit zittriger, aber sauberer Buchhalterschrift:
Beleg Nr. 1.204 – Alles richtig verbucht. Keine Korrekturen nötig.
— ENDE —
Als Kassenwart der Naturschutzgruppe Wiesental entdeckte Wendelin bereits in seiner ersten Woche eine Unregelmäßigkeit: Die Kasse enthielt 43,60 Euro, das Belegheft enthielt nichts.
„Wo sind die Belege?", fragte Wendelin auf der Mitgliederversammlung.
„Belege?", fragte der bisherige Kassenwart, Herr Daum, zurück. „Wir sind eine Naturschutzgruppe, nicht die Merkel-Runde."
„Herr Daum. Ein Vogelhäuschen ohne Beleg ist wie ein Nistkasten ohne Loch. Da will niemand rein."
Wendelin führte binnen eines Monats ein System ein, das die Gruppe fortan „die Buchführung des Schreckens" nannte. Herr Daum trat aus Protest aus – und trat drei Wochen später wieder ein, weil er die Kameradschaft vermisste und, wie er zugeben musste, die neuen Kaffeekassen-Regeln eigentlich praktisch fand.
Die Gruppe eröffnete in jenem Jahr ihr erstes echtes Vereinskonto. Bei der Bankeröffnung sagte die Bankangestellte: „Sie sind aber der erste Verein, der mit Zwischenbilanz kommt." Wendelin nickte würdevoll.
Beleg Nr. 402 – Ordnung ist auch in der Natur. Siehe Ameisen.
Im Frühjahr des fünften Jahres beschloss die Naturschutzgruppe, zwanzig Nistkästen aufzuhängen. Was wie eine friedliche Aktion klang, entpuppte sich als militärische Operation.
Problem eins: Herr Brandt aus der Gruppe war überzeugt, dass Nistkästen „Einflugloch nach Südsüdost" brauchen. Lene erklärte, dass die Vögel nicht kompassgesteuert seien. Herr Brandt blieb bei Südsüdost. Es wurden Kompromiss-Kästen gebaut, deren Löcher nach Südost zeigten – was alle als „diplomatische Lösung" bezeichneten.
Problem zwei: Ein Star bezog Kasten Nr. 7 und vertrieb anschließend alle Vögel in einem Umkreis, der für einen einzelnen Star auffällig imperialistisch war.
„Der hat das ganze Quartier", stellte Wendelin fest. „So etwas haben wir in der Firma ‚Abteilungsleiter' genannt."
Problem drei: Edeltraut, inzwischen begeisterte Vogelfreundin, benannte die Stare nach Nachbarsleuten. Der imperialistische Star hieß „Herr Scholz aus Nummer 12" – was so treffend war, dass die ganze Gruppe es übernahm, und fortan hieß jeder territoriale Star im Ort „ein Scholz".
Beleg Nr. 467 – Star Nr. 7 hat drei Nistkästen besetzt. Wirtschaftliches Verhalten. Sehr menschlich.
An einem Junitag geschah etwas Außergewöhnliches: Herr Reineke kam nicht allein. Hinter ihm trippelten vier Fuchswelpen über die Lichtung, so plump und neugierig wie ausgestattet mit vier linken Pfoten.
Wendelin saĂź auf seiner Bank und bewegte keinen Muskel. Die Welpen entdeckten ihn, umkreisten ihn in respektvollem Abstand wie ein Komitee, und das kleinste setzte sich schlieĂźlich in exakt zwei Metern Entfernung vor ihn hin und starrte.
„Guten Tag", flüsterte Wendelin. „Sie müssen der Nachwuchs sein."
Der Welpe kippte um und biss in ein Blatt. Wendelin bewertete dies als zutreffende Selbsteinschätzung der Situation.
Abends erzählte er Edeltraut davon. Sie war skeptisch: „Fuchswelpen? Bei dir? Wendelin, wenn das rauskommt, sagt wieder jeder, du fütterst."
„Ich habe nicht gefüttert", sagte Wendelin. „Ich habe nur gesessen. Das ist keine Fütterung, das ist Kommunikation."
„Dein Vater hat auch immer nur ‚kommuniziert', wenn Mutter in der Küche Kartoffeln schälte. Am Ende hatte er immer eine."
Wendelin schwieg. Es gab Belege, die verbuchte man nicht.
Im Sommer desselben Jahres gab es keine drei Wochen Regen. Der Bach am Waldrand, den alle für „ewig" hielten, versiegte bis auf eine schmale Pfütze. Lene organisierte die Gruppe: Es galt, eine Tränke für Wildtiere zu bauen, ohne die Tiere an Menschen zu gewöhnen.
Sie schleppten eine alte Wanne tief in den Wald, fern von den Wegen. Edeltraut bestand darauf, einen Stein hineinzulegen – „Damit die Bienen nicht ertrinken. Wie bei deinem Wellness-Anbau, Wendelin. Endlich mal lernen wir von dir."
Wendelin fĂĽhlte sich geschmeichelt wie nie zuvor in seiner Amtszeit.
In den trockensten Tagen stellte die Gruppe sich vor, was in der Pfütze vorgehen musste: Rehe in der Dämmerung, Füchse nachts, Vögel am Morgen. Man sah es nie direkt. Aber eines Morgens war die Wanne leer, und der Schlamm zeichnete Spuren – Hufspuren, Pfotenspuren, Flügelabdrücke, alles durcheinander wie eine Unterschriftenliste.
„Das", sagte Wendelin und zeigte auf den Schlamm, „ist die schönste Besucherkarte, die ich je bekommen habe."
Beleg Nr. 519 – Wasser getragen. Ertrag: Spuren. Lohnt sich.
Die Textdiskussion dauerte drei Sitzungen. Vorschläge: „Bruno, der die Natur kannte" (zu viel), „Für Bruno, der hier saß" (zu wenig), „Bruno (1929–202 und Hundebesitzer" (Herr Brandt: „Sein Hund sollte auch erwähnt werden"). Der Hund, ein Dackel namens Wastl, wurde tatsächlich aufgenommen:
„Bruno & Wastl –
Die beiden haben hier alles beobachtet.
Und einiges erfunden.
War auch gut so."
Bei der Einweihung hielt Wendelin eine Rede. Er sprach nur zwei Sätze:
„Bruno hat mir einmal erklärt, dass der Specht eine Airbase im Kopf hat. Er hatte nicht recht. Aber er hat mich zum Lachen gebracht, und deshalb bin ich hiergeblieben. Manche Belege sind wertvoller, wenn sie nicht stimmen."
Dann setzte er sich auf die neue Bank, und alle setzten sich dazu, und Wastls Enkel-Wastl (ebenfalls Dackel, gleiche Meinung) legte sich in die Sonne.
Wendelin wurde 78. Die Wanderungen wurden kürzer, die Pausen länger, und die Bank an der Lichtung war längst „seine" in dem Sinne, in dem ein Mensch sich eine Bank verdient, indem er zwölf Jahre lang auf ihr Butterbrote an Vögel verlor.
Bei der Jahreshauptversammlung legte er sein Amt nieder. „Kassenwart und Vorsitzender kann man nicht auf Lebenszeit bleiben", sagte er. „Außer man ist Papst oder Fuchs."
Zu seiner Nachfolgerin wählte die Gruppe – wen hätte es überrascht? – Lene. Jonas übernahm die Kasse, mit Belegheften, wie es sich gehört.
„Opa", sagte Jonas nach der Versammlung, „warst du traurig?"
„Nein", sagte Wendelin. „Ein guter Buchhalter weiß, wann der Abschluss gemacht ist. Und ein kluger weiß, dass danach ein neues Geschäftsjahr beginnt."
Am nächsten Morgen ging er trotzdem in den Wald. Kürzer als früher, aber täglich. Herr Reineke – der zweite Reineke inzwischen, ein junger charmanter Fuchs – saß an der Lichtung und prüfte Papiere, die es nicht gab.
Die Eule rief. Kommst du? Kommst du?
„Immer noch nicht", sagte Wendelin. „Ich bin doch erst beim neuen Geschäftsjahr."
Er holte das Notizbuch heraus, das sechste. Auf der ersten Seite schrieb er:
Beleg Nr. 1 – Neu eröffnet. Der Wald erweitert das Sortiment laufend. Bleibe Kunde.
Frau Halbmeyer wurde 80. Die Pilzkönigin feierte nicht gern groß, aber die Pilzsammler des ganzen Ortes kamen trotzdem – und man ließ sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen, das Fest im Wald auszurichten, am Rand ihrer heiligen Steinpilzstelle (in respektvollem Abstand von zweihundert Metern; Frau Halbmeyer hatte die Koordinaten persönlich festgelegt).
Es gab Champignon-Pfannkuchen, Maronenrahmsuppe und eine Torte in Form eines Fliegenpilzes, den man essen durfte, weil er aus Biskuit war.
„Der einzige Fliegenpilz", sagte Frau Halbmeyer in ihrer Dankesrede, „den ich mir anfassen lassen habe. Genießen Sie ihn. So schnell werden Sie keinen zweiten erlaubten bekommen."
Wendelin hielt eine Ansprache, in der er das Pilzsammeln mit der Buchhaltung verglich:
„Frau Halbmeyer hat mir beigebracht, dass man im Wald nicht sammelt, sondern prüft. Jeder Pilz ist eine Bilanzposition. Essbar: Aktivum. Giftig: Passivum. Und das Wichtigste: Man sieht nicht mit den Augen, sondern mit dem Wissen. Deshalb haben Sie, liebe Hedwig, im Wald eine bessere Sicht als ich mit dem Fernglas."
Frau Halbmeyer wischte sich ein Auge und sagte dann, ganz die Alte: „Wendelin, das war rührend. Aber Ihr Fernglas könnten Sie trotzdem mal reinigen."
Beleg Nr. 612 – Freundschaft ist ein Wert ohne Gegenwert. Bleibt trotzdem in der Bilanz.
Wendelins Enkelin, die kleine Marie, wurde vier – und zeigte ausgeprägte Waldqualitäten. Sie konnte einen Käfer länger beobachten als Fernsehwerbung lief, was in ihrer Altersklasse als Rekord galt.
An einem Vormittag nahm Wendelin sie mit zur Lichtung. Marie trug ein Fernglas – ein Spielzeugfernglas, aber das war ihr egal und den Vögeln offensichtlich auch.
„Opa, was macht der Vogel da?", fragte Marie und zeigte auf einen Specht.
„Der klopft an den Baum."
„Macht er denn niemanden auf?"
„Doch. Aber nur Käfer."
„Klopfen wir mit?"
Wendelin und Marie klopfen zwanzig Minuten an Bäume. Der Specht antwortete tatsächlich zweimal, was die Vogel-App später als „Specht, 64 %" einstufte und was Wendelin als wissenschaftlichen Durchbruch feierte.
Zurück zu Hause sagte Marie zu Edeltraut: „Oma, Opa und ich haben einen Vogel verstanden."
„Hoffentlich nicht zu gut", sagte Edeltraut. „Dein Opa hat mit dem Reden mit Bäumen angefangen. Der Vogel als nächstes wäre der natürliche Verlauf."
Beleg Nr. 733 – Enkelin hat Fernglas benutzt. Nachlassplanung: gesichert.
Im achten Jahr erreichte Wendelin ein offizieller Brief. Absender: die Stadtverwaltung. Betreff: „Sachgerechte Pflege des Grünbereichs am Stadtwald – Öffentliche Ausschreibung".
Wendelin las den Brief dreimal und stellte fest: Die Stadt wollte das Grün am Waldrand „professionell pflegen" lassen – was in der Sprache der Verwaltung bedeutete: alles kurz rasen, Hecken ausrotten und was „wild" aussah, überall ordentlich machen.
„Wendelin", sagte Edeltraut, als sie sein Gesicht sah, „du hast dein Bilanz-Gesicht. Was ist los?"
„Die Stadt", sagte Wendelin, „will den Wald aufräumen."
„Und?"
„Edeltraut. Man räumt nicht auf, was lebt. Das ist wie bei einer Bilanz: Man kann nicht eine Position schließen, nur weil sie unordentlich aussieht. Ein Totholzhaufen ist kein Fehler. Der ist die Rücklage für tausend kleine Mieter."
Die Naturschutzgruppe schrieb einen Brief, mit Wendelin als Chefautor. Zehn Seiten, mit Fotos, Belegen und einer Gegenüberstellung „Naturrasen vs. Bowlingrasen". Lene lieferte die Wissenschaft, Herr Brandt die Südsüdost-Kompetenz (brauchte zwar niemand, aber er war stolz), und Wendelin schrieb das Schlusswort:
„Ein Wald, der aufgeräumt ist, ist kein Wald mehr. Das ist ein Parkplatz mit Bäumen. Die Tiere brauchen weder einen Empfang noch eine Hausordnung – sie brauchen Essecken, die niemand abräumt."
Drei Wochen später kam die Antwort der Stadt: Der Grünbereich wurde umgestaltet – in eine „naturnahe Fläche". Der Brief des Bürgermeisters enthielt den Satz, den Wendelin später einrahmte und über seinem Schreibtisch aufhängte: „Wir haben verstanden. Der Wald hat seine eigene Buchhaltung."
Lene hatte eine Idee, die im Vereinsheim zunächst als „abenteuerlich" und nach zwanzig Minuten als „genial" galt: eine Nachtwanderung. Die ganze Gruppe, nachts, mit Laternen, um die Waldbewohner bei ihrer eigentlichen Arbeit zu erleben.
Um acht Uhr abends trafen sich zwölf Menschen im Alter von neun bis zweiundsiebzig Jahren am Waldrand. Marie (neun) kam mit knielangen Gummistiefeln und einer Taschenlampe, die sie „die Leuchtturmspitze" nannte.
Der Wald nachts war ein anderes Land. Die Geräusche hatten andere Berufe. Wendelin erkannte die Eule sofort – Kommst du? Kommst du? – und Marie, die ihn an der Hand hielt, flüsterte: „Opa, die fragt nach dir."
„Nein", flüsterte Wendelin zurück. „Sie fragt nach uns allen. Sie ist nur höflicher zu mir, weil wir uns lange kennen."
Um elf Uhr sahen sie, wie Herr Reineke der Jüngere über die Lichtung schlich – zwei Meter entfernt, im Mondlicht, ein Schatten mit Augen. Keiner sprach. Herr Brandt, der sonst für jeden Südsüdost-Kompromiss eine Meinung hatte, weinte still ein bisschen und behauptete später, es sei Tau gewesen.
Als die Gruppe gegen Mitternacht zurückkehrte, sagte Edeltraut zum Abschied: „Wendelin. Ziehst du jetzt auch noch nachts los?"
„Nur, wenn es was zu sehen gibt."
„Und wenn nicht?"
„Dann gehe ich trotzdem. Es gibt immer was, das einen sieht."
Beleg Nr. 801 – Der Wald bei Nacht. Kein Erläuterungsbedarf.
Es gab einen Nachmittag, an dem Wendelin Marie mitnahm, ohne dass jemand Bescheid wusste. Er zeigte ihr die Dinge, die er nur sehr wenigen Menschen gezeigt hatte: die Steinpilzstelle von Frau Halbmeyer, die Matschstelle links, den Baum der Eule, den Ast von Herrn Reineke dem Älteren – der inzwischen friedlich im Wald geblieben war, wie alte Fuchsherren das tun.
„Opa", sagte Marie, „ist der Fuchs dann..."
„Ja. Er ist hier geblieben. Der Wald macht keine Ausnahmen. Nur Buchungen."
„Was ist eine Buchung?"
Wendelin ĂĽberlegte. Dann setzte er sich auf seine Bank und sagte:
„Weißt du, in meinem alten Beruf hat man aufgeschrieben, was passiert ist. Jedes Geld, das kam, jedes Geld, das ging. Und am Ende las man es nach und wusste: So war das Leben. Im Wald ist es genauso. Der Baum, der fällt, wird aufgeschrieben – von den Käfern, vom Moos, von dem kleinen Bäumchen, das dort wächst, weil jetzt Licht reinkommt. Nichts geht verloren, Marie. Es wird nur woanders verbucht."
Marie ĂĽberlegte einen Moment.
„Und der Specht?"
„Der hat eine Airbase im Kopf. Das kommt nicht weg. Das ist das Guthaben der Familie."
Marie lachte, und Wendelin dachte: Bruno, wo auch immer du buchst – das hier ist dein Posten.
Viele Jahre später, an einem sehr stillen Herbstmorgen, ging Wendelin – 89 Jahre alt, viertes Brillenglas, neuntes Notizbuch – ein letztes Mal zu seiner Bank. Es war kein trauriger Gang. Es war ein Gang wie jeder andere, nur langsamer, was im Wald kein Nachteil ist.
Die Buschwindröschen waren längst verblüht, aber die Stelle, wo sie jedes Jahr blühten, kannte er trotzdem. Der Insektenhotel-Komplex stand, renoviert von Jonas, erweitert von Marie, und ein Wildbienen-Weibchen flog gerade ein, als wäre es Herr Ostermeier persönlich.
Auf der Bank, die längst Brunos Bank hieß und Wendelins Bank war, saß er und sah die Lichtung. Der junge Reineke kam vorbei, sagte nichts, tat so, als würde er Papiere prüfen, und ging. Die Eule rief von weitem.
Kommst du? Kommst du?
„Ja", sagte Wendelin. „Gleich. Ich muss nur noch meinen Abschluss machen."
Er holte das neunte Notizbuch heraus und schrieb mit zittriger, aber unverkennbar sauberer Buchhalterschrift:
Abschlussbuchung.
Soll: Ein Leben, ein Wald, eine Familie, ein Fuchs, eine Eule, zwölf Blatt Butterbrote an Vögel verloren.
Haben: Alles, was hier geblieben ist.
Saldo: ausgeglichen.
Freigabe erteilt.
Dann faltete er die Hände, sah ein letztes Mal in die Äste, und glitt los wie eine Eule: lautlos, wie ein Gute-Nacht-Kuss des Waldes.
Der Wald blieb. Die Bank blieb. Die Buchhaltung wurde von Marie weitergefĂĽhrt.
— ENDE —
Manche gehen. Der Wald bleibt.
Und irgendwo, so stellen wir uns vor, sitzt ein alter Herr auf einer Bank, atmet tief durch und sagt:
„Endlich. Endlich frei."
Mein GroĂźvater hat mir beigebracht, dass man ĂĽber das Ende erst spricht, wenn der Abschluss gemacht ist. Das hier ist mein Abschluss.
Er hätte es geliebt, dieses Buch zu sehen – und sofort die Seitenzahlen geprüft. Er hätte drei Fehler gefunden und zwei davon für diskutabel befunden. Beim dritten hätte er gesagt: „Da hat der Drucker gepfuscht." Es waren immer seine eigenen Druckfehler. Aber das ist eine andere Bilanz.
Ich fĂĽhre sein Notizbuch weiter. Beleg Nr. 1 steht schon drin:
Beleg Nr. 1 – Erbe angetreten. Bestand: Ein Wald, der funktioniert. Gepflegt von Menschen, die ihn nicht kaputtgemacht haben. Führe Liste fort.
Gehen Sie auch in den Wald. Nehmen Sie ein Notizbuch mit. Fangen Sie mit Beleg Nr. 1 an.
Marie Kranz,
geb. Enkelin, jetzt Kassenwartin
der Naturschutzgruppe Wiesental