Lucas · Kapitel 12Zur Bibliothek
Federzeichnung: Friedrich mit kräftigen jungen Männern am Kohlenmeiler
Kapitel 12

Lucas

Die Entscheidung
Lucas · Die Entscheidung

Max und Lucas waren mit dem Verlauf des gestrigen Tages sehr zufrieden.

Der Besuch der sechs Schüler war besser verlaufen, als Lucas es in seiner unruhigen Nacht erwartet hatte.

Besonders an einen Augenblick musste er immer wieder denken.

Bei der Verabschiedung war der Oberlehrer noch einmal zu ihm gekommen und hatte ihm auf die Schulter geklopft.

„Die Schüler werden das nicht vergessen. Danke.“

Lucas hatte darauf nur genickt und sich bedankt.

Jetzt, einen Tag später, bedeuteten ihm diese Worte fast noch mehr.

„Ich glaube, die Kinder hatten wirklich Freude daran“, sagte Lucas.

Max nickte.

„Hatten sie.“

Lucas musste lächeln.

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Lucas · Die Entscheidung

Noch während sie am Holztisch saßen, war aus der Ferne ein vertrautes Geräusch zu hören.

Hufschläge.

Kurz darauf kam auch das Knarren eines Holzkarrens näher.

„Friedrich“, sagte Lucas.

Max nickte.

Wenig später bog Friedrich mit seinem Pferd und dem Holzkarren auf den Platz vor der Holzhütte.

Er zog die Zügel an und stieg geschickt vom Bock.

Schon an seinem Gesicht war zu erkennen, dass er gute Nachrichten hatte.

„Ich habe sehr gute Neuigkeiten.“

Lucas sah ihn gespannt an.

„Vier junge, kräftige Männer haben zugesagt, euch beim Einsacken der Holzkohle zu helfen.“

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Lucas blickte sofort zu Max.

Der nickte zufrieden.

„Vier reichen.“

„Das habe ich mir auch gedacht“, sagte Friedrich. „Die Männer können anpacken und sind sich für schwere Arbeit nicht zu schade.“

Damit war eine der Fragen beantwortet, die Lucas noch vor kurzem wach gehalten hatten.

Sie würden beim Ausräumen und Einsacken nicht allein sein.

Friedrich trat näher zu Lucas.

„Ach, bevor ich es vergesse. Ich soll dir noch etwas ausrichten.“

„Mir?“

„Ja. Der Schlossermeister lässt fragen, wann du einmal bei ihm vorbeikommst. Er könnte dich gut gebrauchen. Er hat viel Arbeit.“

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Damit hatte Lucas nicht gerechnet.

„Hat er das so gesagt?“

„Genau so.“

Lucas schwieg einen Augenblick.

Er erinnerte sich an den Geruch von heißem Eisen, an den Klang des Hammers auf dem Amboss und an die Hitze der Esse.

Vor allem erinnerte er sich daran, wie gern er diese Arbeit gemacht hatte.

Damals war nicht sein Können das Problem gewesen. Es hatte einfach nicht mehr genügend Arbeit gegeben.

Und nun ließ der Schlossermeister nach ihm fragen.

„Ich kann hier jetzt nicht einfach weg“, sagte Lucas.

„Das verlangt auch niemand“, antwortete Friedrich. „Der Meister weiß, dass ihr den Meiler erst fertig machen müsst.“

„Dann sag ihm, dass ich komme, sobald unsere Arbeit hier abgeschlossen ist.“

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Friedrich nickte.

„Das richte ich ihm aus.“

Dann wandte er sich an Max.

„Ich habe übrigens noch etwas vor.“

Max sah ihn an.

„Was denn?“

„Ich will im Dorf einen Gemüseladen eröffnen.“

Lucas schaute überrascht zu ihm.

„Einen Gemüseladen?“

„Ja. Die Leute kommen jetzt zu mir auf den Hof, wenn sie Kartoffeln, Kohl, Rüben, Zwiebeln oder anderes Gemüse brauchen. Vom Dorf aus laufen sie fast eine halbe Stunde bis zu mir.“

Max nickte.

„Und anschließend schleppen sie alles wieder zurück“, sagte Friedrich. „Für ältere Leute ist das kein Vergnügen.“

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„Deshalb willst du das Gemüse ins Dorf bringen?“, fragte Lucas.

„Genau. Ich fahre sowieso regelmäßig mit dem Karren hinein. Dann kann ich das Gemüse auch gleich mitnehmen.“

Max verschränkte die Arme.

„Und wo willst du den Laden eröffnen?“

„Das weiß ich noch nicht genau. Eine Stelle liegt nicht weit vom Dorfbrunnen.“

Lucas nickte.

„Da kommen jeden Tag viele Leute vorbei.“

„Eben. Es muss nichts Großes werden. Ein Raum reicht für den Anfang. Ein paar Regale, Kisten für Kartoffeln und Gemüse und vorne eine ordentliche Auslage.“

Max sah Friedrich an.

„Und wer steht im Laden, während du auf deinem Hof arbeitest?“

Friedrich schwieg kurz.

Lucas grinste.

„Daran hast du noch nicht ganz gedacht.“

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Friedrich lachte.

„Dafür brauche ich noch jemanden.“

Wenig später ging er zu seinem Holzkarren, kontrollierte das Geschirr seines Pferdes und stieg auf den Bock.

Er nahm die Zügel in die Hand.

„Ich komme morgen wieder und bringe euch noch einmal Wasser.“

Max nickte.

„Das können wir brauchen.“

„Und dann müsst ihr mir sagen, wann der Kohlenmeiler gelöscht wird. Ich muss den vier Männern Bescheid geben, wann sie hier sein sollen.“

Max blickte zum Meiler.

„Morgen kann ich dir mehr sagen.“

„Gut. Dann weiß ich Bescheid.“

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Lucas trat ein Stück näher an den Wagen.

„Und vergiss den Schlossermeister nicht.“

Friedrich grinste.

„Dem richte ich aus, dass du kommst, sobald ihr hier fertig seid.“

Mit einem leichten Zug an den Zügeln setzte sich das Pferd in Bewegung.

Der Holzkarren rollte über den Platz und verschwand langsam zwischen den Fichten.

Lucas und Max sahen ihm noch einen Moment nach.

Dann setzten sie sich wieder an den Holztisch.

Eine Weile schwiegen beide.

Lucas wusste, dass Max über den Meiler nachdachte.

„Was meinst du? Wann fangen wir an?“

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Lucas · Die Entscheidung

Max blickte lange zum Kohlenmeiler.

Dann sagte er:

„Wir beginnen übermorgen mit dem Löschen des Meilers.“

Lucas nickte langsam.

Nun stand es also fest.

„Dann kann Friedrich morgen den vier Männern Bescheid geben.“

„Ja.“

Max stützte die Arme auf den Tisch.

„Aber die Männer brauchen wir nicht gleich beim Löschen. Erst wenn der Meiler weit genug abgekühlt ist und wir mit dem Ausräumen beginnen können.“

Lucas sah zum Meiler hinüber.

„Wie lange wird das dauern?“

„Das entscheidet der Meiler.“

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„Wir nehmen ihm nach und nach die Luft. Dann muss er zur Ruhe kommen“, erklärte Max.

Lucas lächelte.

„Zur Ruhe kommen. Als wäre er lebendig.“

Max sah ihn an.

„Nach all den Wochen solltest du wissen, dass ein Meiler seinen eigenen Kopf hat.“

Lucas lachte.

Dann wurde Max wieder ernst.

„Beim Löschen dürfen wir nicht ungeduldig werden. Wenn wir ihn zu früh öffnen und noch zu viel Glut darin steckt, bekommt die Kohle Luft.“

„Und fängt wieder an zu brennen.“

Max nickte.

„Dann können uns in kurzer Zeit Wochen Arbeit verloren gehen.“

Lucas strich mit der Hand über die raue Tischplatte.

„Also übermorgen.“

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„Übermorgen.“

Dieses eine Wort machte Lucas nachdenklich.

Wochenlang hatten sie den Meiler aufgebaut, angezündet, bewacht und gepflegt.

Tagsüber und nachts hatten sie nach ihm gesehen.

Und nun konnten sie zum ersten Mal genau sagen, wann das Ende beginnen würde.

Lucas blickte zu seinem Großvater.

„Dann haben wir morgen unseren letzten ganzen Tag mit einem arbeitenden Meiler.“

Max sah lange zu dem dunklen Hügel hinüber.

„Ja.“

Mehr sagte er nicht.

Doch Lucas bemerkte an seinem Gesicht, dass auch Max sehr genau wusste, was dieser Satz bedeutete.

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Nach einer Weile stand Lucas vom Holztisch auf.

„Ich gehe noch ein Stück.“

Max nickte nur.

Lucas nahm den schmalen Weg, der von der Hütte tiefer in den Fichtenwald führte.

Schon nach wenigen Minuten lagen der Meiler und die Hütte hinter ihm.

Zwischen den hohen Fichten war es angenehm kühl.

Lucas ging langsam weiter.

Er hatte kein bestimmtes Ziel.

Schließlich blieb er stehen.

Vor ihm fiel das Licht zwischen den dunklen Stämmen auf den weichen Waldboden.

Für einen Moment hörte Lucas nur das leise Rauschen der Baumwipfel.

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Lucas · Die Entscheidung

Seine Hand glitt unter das Hemd.

Er griff nach der kleinen Holzfigur, die an der Lederschnur um seinen Hals hing.

Marie.

Lucas umschloss die Figur fest mit seiner Hand.

Wie oft hatte er in den vergangenen Jahren an sie gedacht?

Er wusste nicht, wo sie jetzt war. Er wusste nicht, wie ihr Leben aussah oder ob sie manchmal noch an ihn dachte.

Aber eines wusste er.

Er wollte sie wiedersehen.

Nicht nur für einen kurzen Augenblick.

Nicht nur, um sich an das zu erinnern, was einmal zwischen ihnen gewesen war.

Wenn Marie eines Tages zurückkam, wollte er sie nicht noch einmal verlieren.

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Lucas · Die Entscheidung

Lucas wusste, dass man einen Menschen nicht einfach festhalten konnte.

Marie musste ihren eigenen Weg gehen, genauso wie er seinen gehen musste.

Doch vielleicht würden diese beiden Wege eines Tages wieder zusammenführen.

Und wenn es geschah, wollte Lucas bereit sein.

Er zog die Holzfigur unter seinem Hemd hervor und betrachtete sie.

Seine eigenen Hände hatten sie geschnitzt.

Damals war sie eine Erinnerung gewesen.

In diesem Augenblick fühlte sie sich für Lucas mehr wie ein Versprechen an.

„Ich werde dich wiedersehen“, sagte er leise.

Niemand antwortete.

Nur der Wind strich durch die Fichten.

Lucas ließ die Figur wieder unter seinem Hemd verschwinden.

Und irgendwo in dieser Zukunft hoffte Lucas auf Marie.

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Ende des zwölften Kapitels

Die Entscheidung

Übermorgen beginnt das Löschen des Meilers – und Lucas blickt bereits auf das Leben danach.